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Familientag im Burgerknast

(19.03.)

Hörsturz. Das Kind neben meinem rechten Ohr schreit in einer Lautstärke und Frequenz, bei der eine vor dem Verstärker vergessene, vollaufgedrehte E-Gitarre vor Neid erblassen würde. Es ist Sonntag und ich sitze in jener sagenumwobenen Burger-Braterei, von der man immer behauptet, dort nicht zu essen. Zeit also, aufzuwachen.
 Ich wache auf. Ich fühle mich in diesem Moment meist, als hätte ich furchtbar viel Alkohol getrunken – langsam fällt mir alles wieder ein. „Nie wieder“ – das waren doch meine Worte – und nun wache ich schon wieder hier auf. Und auch noch an einem Sonntag. Es ist Familientag im Burgerknast, schuld daran ist ein debil-fröhlicher Doof-Clown namens Ronald Mc D. Mein Ohr teilt mir durch ein leichtes Summen mit, dass nicht alles verloren, das Trommelfell allerdings nur noch schwer von einer Kündigung abzuhalten ist. Das Kind neben meinem Ohr ist mittlerweile dazu übergegangen, in unglaublicher Geschwindigkeit Pommes Frites in seinen Mund zu schaufeln. So was gehört nicht in einen solchen Mund. Da rein gehört Hipp oder sonst ein Brei. Dazu muss ich kein Ernährungswissenschaftler sein, das geht so nicht.
Wenn es denn sein muss: Warum nehmen sich diese jungen Eltern nicht einfach mal einen Tag in der Woche frei und mästen ihren Nachwuchs zum Beispiel am Dienstag, wenn mein Supermarkt geöffnet hat, und ich das Mittagessen dort kaufen kann? Warum wird ein Drive-In nicht von solchen Störenfrieden genutzt? Und überhaupt: Warum setzen sich diese Geräuschterroristen immer in die Raucherecke? Das tut doch a) den Kinder nicht gut und b) den Rauchern erst recht nicht.
 Am Tisch neben meinem linken Ohr (das noch nicht klingelt) sitzt jetzt ein Vater, der am liebsten ganz woanders wäre. Mit ihm am Tisch zwei junge Damen, die sich gerade in jener Lebensphase befinden, in der die eine Hälfte der Klamotten noch von Mama bei Quelle bestellt wird, die andere zu Weihnachten aus einem Levi’s-Shop erbettelt wird. Papa raucht. Er darf, finde ich. Er dürfte auch harten Alkohol trinken und ein paar Drogen nehmen, wenn’s nach mir ginge. Leicht hat er’s ja nicht unbedingt in dieser schweren Stunde. Seine zwei Damen, die augenscheinlich Freundinnen sind, unterhalten sich intensiv über Klamotten und andere Themen, die ein zwölfjähriges Mädchen eben so beschäftigen. Ich weiß, was jetzt in Papas Kopf abgeht: „Hätte ich Idiot mich nicht scheiden lassen, könnte Manuela (oder wie sie heißt) mit den Bälgern weggehen.“ Zu spät, armer Kerl, zu spät. Es ist Familientag im Burgerknast und du sitzt ein. Da wir noch ein wenig hören können (Nur durch ein Wunder, denn zwischenzeitlich ist der etwa vierjährige Feuermelder vom anderen Tisch wieder angesprungen. Mama hatte den Burger weggenommen.), nutzen ich und mein Begleiter die Zeit zwischen den Tinnitus -Attacken zu einer Unterhaltung. Es geht um die lokale Musikszene (die leiser ist als alles hier) und Gagen in derselben. Ungehalten reagiert mein Begleiter, als er feststellt, dass er seine Kapelle zuletzt unter Wert verkauft hat. Das Wort, das er in dem Zusammenhang ausruft, ist eine unschöne, aber weit verbreitete Umgangsfloskel, die auch als Bezeichnung für Fäkalien Verwendung findet. Jetzt ist es aus. Vom Nachbartisch bahnt sich ein Mütter-Blick den Weg durch Pappbecher und versiffte Burgerpappen zu unserem Futterdomizil, der eindeutig ist: „Keine Kraftausdrücke, wenn mein Kind daneben sitzt“, brüllt der Blick. „Dann setz dein Scheißgör nicht neben meinen Tisch“, blicke ich zurück. Der Feuermelder, der mein Gehör auf dem Gewissen hat, grinst, den Mund voller fettiger Kartoffelstäbe. Die Mistfliege weiß genau, was hier abgeht. Morgen wird sie im Kindergarten das Wort weitererzählen. Dann wird die Kindergartentante ein ernstes Wörtchen mit der Mutter des Feuermelders reden. Die Mutter wird dann schwören, nie wieder mit dem Kind in die Burgerbraterei zu gehen. Und irgendwann wacht sie auf und bemerkt, dass sie wieder da ist. Und ich neben ihrem Tisch sitze und mir das Hörgerät reibe. Es ist wieder Familientag im Burgerknast. Sagt diesem Ronald Mc D., dass ich weiß, wo sein Auto steht.Alles Liebe

Elvis the King


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